Mein Boss Erwachte Erst, Als Ich Ihm Nachts Vorlas-maimoc

Mein Boss lag zwischen Leben und Tod gefangen — bis ich ihm eines Nachts eine Geschichte vorlas und seine Hand sich plötzlich um mein Handgelenk schloss.

Die Monitore neben seinem Bett piepten ohne Pause.

Nicht laut, nicht chaotisch, sondern regelmäßig, kalt und präzise, als hätte jemand sogar das Überleben dieses Mannes in einen Dienstplan eingetragen.

Image

Das private Krankenzimmer war so sauber, dass jedes Geräusch darin scharf klang.

Das Rascheln meiner Uniform.

Das leise Rollen des Infusionsständers.

Der Sekundenzeiger der Uhr über der Tür.

Alles war hell, glatt, kontrolliert.

Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett lagen eine Patientenmappe, ein Klemmbrett, ein Stift und ein Besuchsplan, bei dem jede Zeile ordentlich ausgefüllt war.

Keine Kritzelei.

Keine Unordnung.

Keine Zufälle.

Ich hatte in normalen Krankenhausfluren gelernt, wie Krankheit klingt.

Dort gab es weinende Angehörige, überfüllte Stationen, müde Assistenzärzte, klingelnde Telefone und Menschen, die mit kaltem Kaffee in Plastikbechern durch die Nacht liefen.

Hier gab es nur gedämpfte Schritte, teure Stille und Männer in dunklen Anzügen vor der Tür.

Mein Name war Clara Jenkins.

Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, verschuldet durch meine Pflegeausbildung und müde genug, um ein Angebot anzunehmen, das ich bei klarem Verstand vielleicht abgelehnt hätte.

Dreifaches Gehalt.

Private Nachtschichten.

Verschwiegenheitserklärung.

Keine Fragen.

Auf dem Papier klang es wie eine Chance.

Im echten Leben fühlte es sich an, als hätte ich meinen Namen unter eine Warnung gesetzt.

Erst nach der Unterschrift erfuhr ich, wer mein Patient war.

Nicholas Castellano.

Die Zeitungen nannten ihn einen einflussreichen Unternehmer aus der Logistikbranche.

Sie schrieben von wirtschaftlicher Macht, Kontakten und einem Imperium, das über Jahre gewachsen war.

Die Pflegekräfte sagten ein anderes Wort, aber nur leise und nur dann, wenn keine Kamera über der Ecke des Flurs blinkte.

Mafiaboss.

Ich hatte geglaubt, solche Männer würden anders aussehen.

Größer vielleicht.

Lauter.

Mit einer Aura, die sofort jeden Raum füllte.

Aber Nicholas lag still in einem Krankenhausbett, sein Körper unter einer weißen Decke, sein Gesicht blass, die dunklen Wimpern geschlossen.

Nur die Narbe an seiner Schläfe verriet, was geschehen war.

Drei Monate zuvor war er vor einem Steakhaus niedergeschossen worden.

Fünf Kugeln hatten ihn getroffen.

Vier hatten Chirurgen entfernen können.

Die letzte Verletzung, ein Streifschuss an der Schläfe, hatte seinen Schädel so beschädigt, dass kein Spezialist versprach, er werde je wieder aufwachen.

Seitdem lag er hier.

Zwischen Maschinen, Medikamenten, Akten und Menschen, die ihn bewachten, als wäre sein Schweigen wertvoller als sein Leben.

Meine Aufgaben waren einfach.

Waschen.

Drehen.

Vitalwerte prüfen.

Medikamente kontrollieren.

Atmung dokumentieren.

Reaktionen eintragen, auch wenn es keine gab.

Ich musste pünktlich sein, immer einige Minuten vor Schichtbeginn, weil die Übergaben in diesem Trakt nicht wie normale Übergaben waren.

Eine verspätete Minute bedeutete, dass jemand vor der Tür den Kopf hob.

Zwei verspätete Minuten bedeuteten eine Frage.

Drei bedeuteten, dass man meinen Namen in einem Ton sagte, den ich nicht noch einmal hören wollte.

Also kam ich immer zu früh.

Ich band meine Haare sauber zurück, prüfte meine Schuhe, kontrollierte meinen Stift, legte mein Handy lautlos in die Tasche und trat in dieses Zimmer, als würde ich einen Raum betreten, in dem jeder Fehler Konsequenzen hatte.

Die Männer vor der Tür grüßten nicht.

Sie nickten höchstens.

Manchmal standen zwei dort.

Manchmal drei.

Alle trugen dunkle Anzüge, saubere Schuhe und Gesichter, die nichts verrieten.

Sie fragten nicht, ob Nicholas Schmerzen hatte.

Sie fragten nicht, ob sich etwas verbessert hatte.

Sie fragten: „Gab es Veränderungen?“

Als wäre sein Körper ein Bericht.

Als wäre sein Atem eine geschäftliche Kennzahl.

Ich antwortete jedes Mal knapp.

„Keine neue Reaktion.“

„Vitalwerte stabil.“

„Keine bewusste Bewegung.“

Klartext war in diesem Trakt keine Höflichkeit.

Es war Selbstschutz.

Je weniger ich sagte, desto weniger konnte gegen mich verwendet werden.

In den ersten Nächten arbeitete ich schweigend.

Ich stellte Wasser bereit, obwohl er nicht trinken konnte.

Ich kontrollierte seine Haut, bewegte vorsichtig seine Arme, wechselte Verbände und schrieb Zeiten in die Mappe.

00:15 Uhr, Umlagerung.

01:40 Uhr, Vitalwerte stabil.

03:10 Uhr, keine sichtbare Reaktion.

Die Zahlen gaben mir Halt.

Ordnung musste sein, sagte meine Ausbilderin früher immer.

Wenn du Angst hast, dokumentiere sauber.

Wenn du unsicher bist, prüfe zweimal.

Wenn du allein bist, halte dich an den Ablauf.

Also hielt ich mich daran.

Doch irgendwann reichte der Ablauf nicht mehr.

Die Stille begann, sich auf meine Brust zu legen.

Nicht die normale Stille eines schlafenden Patienten.

Eine andere.

Eine bewachte Stille.

Eine Stille, in der zu viele Menschen darauf warteten, dass dieser Mann entweder starb oder zurückkam.

Nach Mitternacht wurde der Flur dunkler.

Die Gespräche der Männer vor der Tür sanken zu einem Murmeln.

Manchmal hörte ich nur den Stoff ihrer Anzüge, wenn sie ihre Haltung wechselten.

Manchmal den leisen Ton einer Nachricht auf einem Handy.

Dann wieder nur den Monitor.

Piepen.

Piepen.

Piepen.

Ich weiß nicht mehr, in welcher Nacht ich zum ersten Mal las.

Vielleicht war es aus Müdigkeit.

Vielleicht aus Trotz.

Vielleicht, weil ich nicht länger in einem Raum sitzen konnte, in dem ein Mensch wie ein Besitzstück behandelt wurde.

Ich hatte ein altes Buch auf meinem Handy geöffnet, nur um wach zu bleiben.

Eine Geschichte, die meine Großmutter geliebt hatte.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Zeilen für mich lesen.

Dann hörte ich meine eigene Stimme.

Leise zuerst.

Fast entschuldigend.

Die Worte füllten den Raum, und plötzlich fühlte er sich weniger tot an.

Nicholas bewegte sich nicht.

Sein Atem blieb maschinell unterstützt, sein Gesicht unverändert.

Aber die Stille verlor ihre Härte.

Also las ich weiter.

In der nächsten Nacht wieder.

Und in der danach.

Ich las Romane, Kurzgeschichten, Krimis, manchmal Gedichte.

Nichts Modernes, nichts Lautes, nichts, das zu viel von mir verriet.

Nur Wörter in der Nacht.

Ich sagte mir, er könne mich nicht hören.

Dieser Gedanke machte alles möglich.

Wenn er mich nicht hörte, war es kein Gespräch.

Wenn er mich nicht hörte, war ich nicht unprofessionell.

Wenn er mich nicht hörte, konnte ich vergessen, dass dieser Mann Menschen Angst machte, die sonst niemanden fürchteten.

Manchmal sprach ich zwischen zwei Absätzen mit ihm.

Nicht lange.

Nur ein Satz.

„Heute war der Flur ungewöhnlich ruhig.“

Oder: „Einer Ihrer Männer hat fast gelächelt, aber ich glaube, es war nur ein Muskelzucken.“

Einmal, als ich seine Decke glattzog, sah ich sein unbewegtes Gesicht an und flüsterte: „Wissen Sie, Sie sind ziemlich einschüchternd für jemanden, der einfach nur daliegt.“

Der Monitor antwortete mit seinem gleichmäßigen Piepen.

Ich lächelte nicht einmal richtig.

Es war kein Witz.

Eher ein Versuch, mich daran zu erinnern, dass ich noch eine Stimme hatte.

Mit der Zeit wurde das Vorlesen zu meinem geheimen Teil der Schicht.

Nicht eingetragen.

Nicht besprochen.

Nicht erlaubt.

Aber auch nicht schädlich.

Das sagte ich mir zumindest.

Ich behandelte ihn weiterhin korrekt.

Ich dokumentierte alles sauber.

Ich war pünktlich, vorsichtig, sachlich.

Doch während andere in ihm nur Macht sahen, sah ich irgendwann auch die kleinen Dinge.

Die trockene Stelle an seinem Handrücken, die ich eincremte.

Den winzigen Schatten von Bart, den ich sorgfältig rasierte.

Die Art, wie sein Kopf minimal zur Seite sank, wenn ich das Kissen nicht genau ausrichtete.

Er war gefährlich, ja.

Aber in diesem Bett war er auch abhängig.

Von Maschinen.

Von Pflege.

Von Menschen, die nicht immer freundlich waren.

Das war der Punkt, der mich störte.

Nicht seine Macht.

Sondern die Tatsache, dass niemand in diesem Zimmer ihn wie einen Menschen behandelte.

Seine Männer bewachten ihn wie ein verschlossenes Büro.

Die Ärzte sprachen über Prognosen und Risiken.

Die Besucher, wenn es welche gab, standen steif am Bett und sagten kaum etwas, als fürchteten sie, die falsche Person könne zuhören.

Ich war die Einzige, die ihm Geschichten gab.

Vielleicht war das naiv.

Vielleicht war es gefährlich.

Vielleicht war es das Menschlichste, was ich in dieser ganzen Situation tun konnte.

Dann kam die Nacht mit dem Sturm.

Der Regen begann kurz nach Mitternacht.

Er schlug hart gegen die Fenster, erst unregelmäßig, dann wie eine Handvoll Kies auf Glas.

Der Flur roch nach Desinfektionsmittel und nassem Stoff, weil einer der Männer draußen kurz hereingekommen war und seine Jacke Tropfen auf dem Boden hinterlassen hatte.

Ich hatte sie sofort weggewischt.

Nicht wegen ihm.

Wegen der Ordnung.

Um 01:05 Uhr kontrollierte ich Nicholas’ Temperatur.

Um 01:20 Uhr prüfte ich den Zugang.

Um 01:35 Uhr notierte ich stabile Werte.

Um 01:47 Uhr flackerte das Licht.

Nur einmal zuerst.

Dann noch einmal.

Der Monitor gab einen kurzen höheren Ton von sich, fing sich aber sofort wieder.

Draußen verstummten die Männer.

Für drei Sekunden hörte ich nur den Regen.

Dann sprang die Notbeleuchtung an.

Rotes Licht legte sich über die hellen Wände, nicht dunkel genug, um etwas zu verbergen, aber fremd genug, um jedes Gesicht anders aussehen zu lassen.

Die Uhr über der Tür lief weiter.

Natürlich tat sie das.

In diesem Zimmer lief alles weiter, selbst wenn draußen der Sturm gegen die Scheiben schlug.

Ich setzte mich wieder neben sein Bett.

Mein Handy lag in meiner Hand.

Die Geschichte, die ich an diesem Abend las, handelte von einem Mann, der aus dem Krieg nach Hause zurückkehrte und nicht wusste, ob sein Zuhause noch ihm gehörte.

Ich weiß noch, dass mir dieser Satz zu schwer vorkam.

Zu nah.

Nicht für mich.

Für ihn.

Ich sah zu Nicholas hinüber.

Sein Gesicht lag halb im roten Licht, halb im hellen Schein des Monitors.

Die Narbe an seiner Schläfe wirkte dunkler.

Seine Hand lag auf der Decke, ruhig, schmaler als man es bei einem Mann wie ihm erwartet hätte.

Ich las weiter.

Meine Stimme war leise, aber klar.

Draußen donnerte es.

Die Fensterscheibe vibrierte.

Der Infusionsständer klirrte ganz leicht.

Dann änderte sich der Monitor.

Nicht viel.

Aber genug.

Die Linie sprang.

Der Ton wurde schneller.

Ich hörte sofort auf.

Jede Pflegekraft lernt, Geräusche zu unterscheiden.

Das harmlose Piepen.

Das technische Piepen.

Das Piepen, bei dem man aufsteht, bevor man überhaupt denkt.

Ich stand halb auf.

„Nicholas?“

Sein Name klang in meinem Mund falsch.

Zu direkt.

Zu vertraut.

Ich hatte ihn nie so angesprochen, wenn andere im Raum waren.

Da war er immer Herr Castellano gewesen.

Abstand schützt.

Namen gefährden.

Aber in dieser Sekunde war niemand zwischen uns außer dem Bettgitter und dem roten Licht.

Seine Finger bewegten sich.

Ich erstarrte.

Zuerst dachte ich, es sei ein Reflex.

Ein Muskelimpuls.

Etwas, das ich später sachlich in die Mappe schreiben würde.

01:52 Uhr, unwillkürliche Fingerbewegung rechts.

Dann bewegten sie sich wieder.

Langsamer.

Gezielter.

Mein Herz schlug so hart, dass ich für einen Moment den Monitor nicht mehr vom eigenen Puls unterscheiden konnte.

Ich beugte mich vor.

„Können Sie mich hören?“

Keine Antwort.

Nur Regen.

Nur der Monitor.

Nur die Männer draußen, die ungewöhnlich still geworden waren.

Ich streckte die Hand aus, nicht um ihn zu berühren, sondern um zu prüfen, ob die Decke verrutscht war.

Da schnellte seine Hand hoch.

Seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk.

Fest.

Nicht schwach.

Nicht zufällig.

Fest wie eine Entscheidung.

Mein Handy rutschte mir aus der Hand und fiel auf die Bettkante, dann auf den Boden.

Das Klemmbrett stieß gegen den Tisch.

Die Patientenmappe kippte und schlug auf den Fliesen auf.

Blätter rutschten heraus.

Zeitangaben, Werte, Unterschriften, Nachtnotizen.

Alles, was ich ordentlich gehalten hatte, lag plötzlich verstreut im roten Licht.

„Nicholas“, flüsterte ich.

Seine Augen öffneten sich.

Ich hatte mir diesen Moment nie wirklich vorgestellt.

Nicht ehrlich.

Ich hatte Berichte geschrieben, Werte verglichen, Pupillen kontrolliert und auf Reaktionen geachtet.

Aber ich hatte nie ausgemalt, wie es aussehen würde, wenn ein Mann wie Nicholas Castellano aus der Dunkelheit zurückkam.

Seine Augen waren dunkel.

Verschwommen.

Lebendig.

Sie fanden nicht sofort den Raum.

Nicht die Tür.

Nicht die Monitore.

Mich.

Sein Griff blieb um mein Handgelenk.

Meine Haut schmerzte unter seinen Fingern, aber ich zog nicht weg.

Ich konnte nicht.

Es war nicht nur Angst.

Es war das Gefühl, dass jede Bewegung jetzt etwas auslösen würde, das größer war als ich.

Seine Lippen öffneten sich.

Zuerst kam kein Wort.

Nur ein raues Geräusch, trocken und gebrochen.

Ich griff mit der freien Hand nach dem Wasserstab, dann stoppte ich, weil er den Kopf kaum merklich bewegte.

Nein.

Seine Augen senkten sich.

Zum Boden.

Zu meinem Handy.

Zur offenen Geschichte.

Dann sah er wieder mich an.

Seine Stimme kam wie Glas über Stein.

„Weiterlesen.“

Ein einzelnes Wort kann manchmal eine ganze Welt kippen.

Nicht, weil es laut ist.

Sondern weil es beweist, dass alles davor eine Lüge war.

Er hatte mich gehört.

Nicht nur jetzt.

Vielleicht gestern.

Vielleicht letzte Woche.

Vielleicht jede Nacht, in der ich geglaubt hatte, sicher zu sein.

Jede Geschichte.

Jeder halbe Satz.

Jede Bemerkung, die ich nur gemacht hatte, weil ein bewusstloser Mann angeblich nichts damit anfangen konnte.

Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde.

Nicht vor Scham allein.

Vor Erkenntnis.

Er wusste, dass ich mit ihm gesprochen hatte.

Er wusste, dass ich ihn nicht nur gewaschen, gedreht und dokumentiert hatte.

Er wusste, dass ich geblieben war.

Draußen vor der Tür brach ein Gespräch ab.

Es war so deutlich, dass ich den Kopf hob.

Die Männer hatten seine Stimme gehört.

Oder den Monitor.

Oder das Fallen der Mappe.

Vielleicht alles.

Nicholas’ Finger spannten sich fester um mein Handgelenk.

Sein Blick blieb auf mir.

Nicht bittend.

Nicht freundlich.

Aber wach.

Vollständig wach genug, um zu wissen, dass ich die Einzige im Raum war, die nicht sofort nach Macht roch.

Ich schluckte.

„Ich muss den Arzt rufen.“

Seine Lider zuckten.

Seine Stimme war kaum mehr als Luft.

„Nein.“

Das Wort traf mich härter als sein Griff.

„Sie sind wach“, sagte ich leise, diesmal bewusst bei Sie, weil der Abstand plötzlich wieder nötig war.

„Das muss dokumentiert werden.“

Seine Augen bewegten sich zur Tür.

Dann zurück zu mir.

In diesem Blick lag etwas, das ich nicht sofort verstand.

Nicht Angst.

Warnung.

Ein Donner krachte so nah, dass die Scheibe zitterte.

Im selben Moment klopfte jemand draußen nicht an.

Ein Schatten fiel unter der Tür hindurch.

Ich sah zur Patientenmappe am Boden.

Die oberste Seite lag offen.

Meine letzte Notiz war sichtbar.

01:52 Uhr, Reaktion auf Stimme während Vorlesen.

Ich hatte sie aus Reflex geschrieben, bevor seine Hand mich gepackt hatte.

Sauber.

Ehrlich.

Gefährlich.

Denn diese Zeile bewies nicht nur, dass er wach wurde.

Sie bewies, worauf er reagiert hatte.

Auf meine Stimme.

Auf das Vorlesen.

Auf etwas, das nicht im Protokoll stand.

Die Türklinke bewegte sich.

Nicholas’ Griff wurde so fest, dass ich einatmete.

Sein Blick hielt mich fest, bevor die Tür aufging.

Zwei Männer in dunklen Anzügen traten ein.

Der erste sah auf Nicholas’ offene Augen.

Für einen Moment fiel jede Kontrolle aus seinem Gesicht.

Der zweite sah auf meine Hand.

Auf Nicholas’ Finger um mein Handgelenk.

Auf die verstreuten Papiere.

Auf mein Handy am Boden.

Dann auf die offene Mappe.

Seine Miene veränderte sich.

Nicht überrascht.

Berechnend.

„Raus“, sagte der erste Mann zu mir.

Klartext.

Kein Bitte.

Keine Erklärung.

Nur ein Befehl.

Ich bewegte mich nicht, weil Nicholas mich noch immer hielt.

Der zweite Mann trat näher.

Seine Schuhe waren sauber, schwarz und glänzend, als hätte er sie erst vor Minuten poliert.

Er blieb genau eine Armlänge vom Bett entfernt stehen.

Nicht aus Höflichkeit.

Aus Vorsicht.

„Wann ist das passiert?“, fragte er.

Ich antwortete automatisch, weil ich gelernt hatte, bei Druck sachlich zu bleiben.

„Gerade eben.“

Sein Blick fiel wieder auf die Mappe.

„Gerade eben steht da nicht.“

Mir wurde kalt.

Er konnte die Zeile lesen.

Die Uhrzeit.

Die Reaktion.

Das Wort Vorlesen.

Alles lag offen auf dem Boden, als hätte die Ordnung, die mich schützen sollte, mich verraten.

Nicholas atmete schwerer.

Der Monitor piepte schneller.

Ich sagte: „Er braucht medizinische Hilfe.“

„Er braucht Ruhe“, sagte der Mann.

„Er ist aus dem Koma erwacht.“

„Und Sie werden jetzt loslassen.“

Ich sah auf Nicholas’ Hand.

„Das kann ich nicht.“

Der Mann blinzelte.

Zum ersten Mal sah er mich wirklich an.

Nicht wie eine Pflegekraft.

Nicht wie Personal.

Wie ein Problem.

Dann hörten wir Schritte im Flur.

Nicht die schweren Schritte der Männer.

Andere.

Ruhiger.

Gleichmäßiger.

Jemand kam näher, ohne zu eilen, und trotzdem wurde die Luft im Zimmer enger.

Der erste Mann drehte den Kopf zur Tür.

„Sie sollte nicht hier sein“, murmelte er.

Der zweite antwortete nicht.

Nicholas’ Blick veränderte sich.

Nur minimal.

Aber ich sah es.

Ein Mann, der drei Monate lang nichts gezeigt hatte, zeigte plötzlich etwas, das fast wie Hass aussah.

Die Tür öffnete sich weiter.

Eine Frau trat in den Rahmen.

Perfekt gekleidet.

Ruhig.

Eine Ledermappe unter dem Arm.

Ihr Haar war glatt, ihr Mantel trocken, ihre Haltung so kontrolliert, als hätte sie den Sturm draußen nicht einmal bemerkt.

Sie sah zuerst die Männer an.

Dann die Papiere auf dem Boden.

Dann mich.

Dann Nicholas.

Ihr Lächeln verschwand.

Nicht langsam.

Sofort.

Als hätte jemand es ausgeschaltet.

„Nicholas“, sagte sie.

Sein Name klang in ihrem Mund nicht wie Erleichterung.

Eher wie ein Fehler im Ablauf.

Ich wartete darauf, dass sie näherkam.

Dass sie seine Hand berührte.

Dass sie weinte oder nach einem Arzt rief.

Sie tat nichts davon.

Sie blieb in der Tür stehen, mit genug Abstand, um keinen Fleck auf ihren Schuhen von den verstreuten Papieren zu bekommen.

Nicholas’ Griff um mein Handgelenk wurde stärker.

Seine Augen blieben auf ihr.

Der Monitor piepte schneller.

Die Frau sah auf meine Hand in seiner.

Dann auf mein Handy.

Dann auf die Notiz in der offenen Mappe.

Sie verstand alles schneller als die Männer.

Das sah ich an ihrem Gesicht.

Und ich begriff in derselben Sekunde, dass Nicholas’ Erwachen nicht die Rettung war.

Es war der Beginn von etwas, das schon lange im Zimmer gewartet hatte.

Vielleicht nicht in meinem Zimmer.

Aber in seinem Leben.

In seinen Akten.

In den Pausen der Männer vor der Tür.

In jedem Besuch, der zu kurz gewesen war.

In jedem Blick, der nicht um seine Gesundheit, sondern um seine Kontrolle gebangt hatte.

Die Frau trat einen Schritt vor.

„Clara Jenkins“, sagte sie, ohne dass ich ihr meinen Namen genannt hatte.

Mein Magen zog sich zusammen.

Natürlich kannte sie meinen Namen.

In diesem Trakt kannte jeder alles, was wichtig war.

Nur ich hatte geglaubt, ich sei unwichtig genug, um sicher zu sein.

Nicholas bewegte die Lippen.

Keiner von uns sprach.

Wir warteten alle auf seine Stimme.

Draußen schlug der Regen gegen die Scheiben.

Die Uhr über der Tür zeigte 01:56 Uhr.

Vier Minuten, seit ich die erste Reaktion notiert hatte.

Vier Minuten, in denen aus einer Nachtschicht ein Verhör geworden war.

Vier Minuten, die vielleicht darüber entschieden, wer in diesem Raum die Wahrheit kontrollierte.

Nicholas holte mühsam Luft.

Seine Stimme war schwach, aber diesmal klarer.

Er sagte nicht meinen Namen.

Er sagte nicht ihren.

Er sah die Frau in der Tür an und formte ein einziges Wort.

Und in dem Moment, bevor es ganz aus seinem Mund kam, sah ich, wie der Mann im dunklen Anzug nach der Patientenmappe am Boden griff.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *